19. Juli 2023 / Aus aller Welt

Beisetzung von Urnen mit falscher Asche - «Supergau»

Familie und Freunde trauern am offenen Grab um ihre Liebsten. Monate, teils Jahre später stellt sich heraus: In den Urnen befand sich nicht die Asche der Verstorbenen. Der Fall landet nun erneut vor Gericht.

Der Angeklagte soll zwischen 2016 und 2019 mehrere Urnen bewusst mit anderer Asche, Staub oder Dreck befüllt und beigesetzt haben.
von dpa

Mit Sand, Dreck oder fremder Asche: Ein Bestatter soll aus Zeitgründen mehrere Urnen anderweitig gefüllt und beigesetzt haben - vor dem Landgericht Oldenburg hat der Angeklagte die Vorwürfe erneut abgestritten. «Es ist völlig absurd», sagte der 39-Jährige zu Beginn des Berufungsverfahrens am Mittwoch. Ein Amtsgericht hatte den Angeklagten im August 2021 wegen Anstiftung zur Störung der Totenruhe und Beihilfe zur Störung der Totenruhe zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Gegen das Urteil war der Mann vorgegangen.

«Das, was da passiert ist, das ist der Supergau», sagte einer der Inhaber des Bestattungsunternehmens in Bad Zwischenahn westlich von Oldenburg vor Gericht. Erst nach der Entlassung des Angeklagten hätten er und sein Bruder die Asche entdeckt - in einem Schrank, auf einem Schreibtisch, im Sarglager. «Es taucht plötzlich etwas auf, das längst unter der Erde hätte sein sollen.»

Und als die betroffenen Gräber zur Untersuchung exhumiert wurden, sei in einer der Urnen noch eine vierte falsch zugeordnete Aschekapsel aufgetaucht, berichtete sein Bruder. «Der Schrecken war schon groß genug.» Ihre Entdeckung hätten sie erstmal den betroffenen Familien erklären müssen, zwei Angestellte hätten den Druck nicht mehr ausgehalten und das Unternehmen verlassen.

Insgesamt vier Fälle

Die Taten ereigneten sich nach Angaben des Gerichts im Dezember 2016, im April und Mai 2017 sowie im April 2019. Demnach geht es um vier Fälle. Der Angeklagte soll als einer der Geschäftsführer die Beratung übernommen haben: Gespräche mit den Angehörigen, die Organisation von Blumenschmuck, Absprachen mit dem Krematorium, der Friedhofsverwaltung und den Pfarreien. Alles Arbeiten am Schreibtisch, auf dem Friedhof sei er nur selten gewesen.

Doch in den betroffenen Fällen sei die Asche nicht rechtzeitig vor der geplanten Beisetzung vom Krematorium zurückgekommen, heißt es im ersten Urteil des Amtsgerichts Westerstede. Also habe der Angeklagte die Urnen mit Sand, schwarz glänzenden kohleartigen Partikeln oder anderer Asche gefüllt.

Als die Asche nach Angaben des Amtsgerichts im Frühjahr 2019 mal wieder nicht planmäßig eintraf, fragte eine Auszubildende den Mann was zu tun sei. Er soll die junge Frau angwiesen haben, die Urne ohne Inhalt zu bestatten. Er selbst wolle sich darum kümmern, dass die Asche nachträglich hinzugefügt werde.

Unmöglich - oder doch möglich?

«Das ist schier nicht möglich», beteuerte der Angeklagte vor dem Landgericht Oldenburg. Für jede Aschekapsel müsse bei der Friedhofsverwaltung oder bei der Kirchengemeinde eine sogenannte Einäscherungsbescheinigung vorgelegt werden. Oft noch am Tag der Beisetzung, spätestens eine Woche danach. Diese Bescheinigung soll sicherstellen, dass die Urne mit der richtigen Asche beigesetzt wird.

«Das hätte normalerweise nicht passieren dürfen», meinte auch einer der Brüder vom Bestattungsunternehmen. Doch man habe auf Vertrauensbasis gearbeitet, auch mit der Friedhofsverwaltung. «Wie sagt man? Per Handschlag.» Darauf hätten sich alle verlassen.

Ein Einzelfall? In Bremen sind in der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik 2 Fälle von Störung der Totenruhe im vergangenen Jahr gelistet, in Niedersachsen 155 Fälle. Laut Strafgesetzbuch drohen bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe, wenn wer «die Asche eines verstorbenen Menschen wegnimmt oder wer daran beschimpfenden Unfug verübt.» Aber auch die Verwüstung von Gräbern und Gedenkstätten fällt unter den Paragrafen 168.

Zuletzt hatte ein Bestatter in Achim bei Bremen Schlagzeilen gemacht: Der Mann räumte ein, zwischen 2015 und 2019 in acht Fällen Urnen mit der Asche Verstorbener in beliebigen Gräbern beigesetzt zu haben. Ein Amtsgericht verurteilte ihn rechtskräftig zu einer Geldstrafe auf Bewährung.

Das Urteil im Berufungsverfahren vor dem Landgericht Oldenburg wird am 25. Juli erwartet. Das Bestattungsunternehmen hat aber schon erste Konsequenzen gezogen: Die Mitarbeitenden müssen nun mit Fotos dokumentieren, dass sie die richtige Asche beisetzen. «Und wir weisen die Friedhofsverwaltung selbst daraufhin, die Unterlagen zu kontrollieren», sagte einer der Inhaber.


Bildnachweis: © Focke Strangmann/dpa
Copyright 2023, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Drei Ausflugstipps mit Kindern an regnerischen Tagen
Blog

Wir haben spaßbringende Indoor Aktivitäten bei schlechtem Wetter für die ganze Familie im Rheinisch-Bergischen Kreis für euch gesammelt

weiterlesen...
Der perfekte Schulranzen für Schulanfänger
Blog

Der erste Schultag steht vor der Tür! Erfahre, worauf du beim Schulranzen-Kauf achten solltest mit Tipps, Empfehlungen und Sicherheitsaspekten

weiterlesen...
Hinter den Kulissen: PSH Physiotherapie
Partner News

Einblicke in die Welt der Physiotherapie: Betty Schreiner & Bastian Hellmich im Interview über Ihren Werdegang, Erfolge und Visionen für die Zukunft

weiterlesen...

Neueste Artikel

Sieben Tote bei Autorennen in Sri Lanka
Aus aller Welt

Zwei Rennautos kommen bei einem Rennen in Sri Lanka von der Strecke ab und rasen in die Zuschauer. Sieben Menschen verlieren dabei ihr Leben, darunter ist auch ein achtjähriges Kind.

weiterlesen...
Aufräumarbeiten an der alten Börse gehen weiter
Aus aller Welt

Fast eine Woche ist es her, dass die Feuerwehr zu einem schweren Brand in einem der ältesten Gebäude der Stadt ausrückte. Viele Kunstgegenstände wurden gerettet. Eine Frage bleibt bisher ungeklärt.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Sieben Tote bei Autorennen in Sri Lanka
Aus aller Welt

Zwei Rennautos kommen bei einem Rennen in Sri Lanka von der Strecke ab und rasen in die Zuschauer. Sieben Menschen verlieren dabei ihr Leben, darunter ist auch ein achtjähriges Kind.

weiterlesen...
Aufräumarbeiten an der alten Börse gehen weiter
Aus aller Welt

Fast eine Woche ist es her, dass die Feuerwehr zu einem schweren Brand in einem der ältesten Gebäude der Stadt ausrückte. Viele Kunstgegenstände wurden gerettet. Eine Frage bleibt bisher ungeklärt.

weiterlesen...