9. April 2024 / Aus aller Welt

Britischer Physik-Nobelpreisträger Peter Higgs gestorben

Ein Zufall, eine Gruppenleistung, nur ein paar Wochen Arbeit - und ein Physik-Nobelpreis. Peter Higgs redete seine Leistung gerne klein. Nun ist er im Alter von 94 Jahren gestorben.

Der Nobelpreisträger Peter Higgs ist im Alter von 94 Jahren verstorben.
von Teresa Dapp und Silvia Kusidlo, dpa

Hätte Peter Higgs seine Karriere als Forscher heute erst begonnen, vielleicht wäre nicht viel aus ihm geworden. Das glaubte der Brite jedenfalls selbst. Er sei für heutige Maßstäbe nicht produktiv genug, sagte er der Zeitung «The Guardian» - nachdem ihm 2013 gemeinsam mit dem Belgier François Englert der Physik-Nobelpreis zuerkannt worden war. Jetzt ist der «Vater» des Higgs-Teilchens im Alter von 94 Jahren gestorben.

Er selbst wollte gar nicht so genannt werden. Sein Name sei eher zufällig mit dem Higgs-Teilchen verbunden worden, sagte er mitten im Nobelpreis-Rummel - es sei doch eine Gruppenleistung gewesen. Unabhängig voneinander waren er und Englert auf die Theorie gekommen.

«Ich bekomme den Preis für etwas, für das ich 1964 zwei oder drei Wochen gebraucht habe. Das war nur ein sehr kleiner Teil meines Lebens», sagte Higgs. Seine Idee damals: So wie Gravitation Dingen ihr Gewicht verleiht, geben Urteilchen ihnen ihre Masse. Ein Gedanke, der den Physiker Jahrzehnte später weltberühmt machen sollte.

Theorie beim Wandern

Angeblich beim Wandern in den schottischen Highlands kam Higgs als junger Forscher an der Universität Edinburgh auf diese Theorie, die fast ein halbes Jahrhundert keiner beweisen konnte. Der Durchbruch gelang schließlich am Kernforschungszentrum Cern in der Schweiz. Viele meinten, auch die Forschungseinrichtung hätte dafür den Physik-Nobelpreis verdient - doch Organisationen werden damit nicht geehrt.

Als Forscher die Entdeckung des Higgs-Teilchens am 4. Juli 2012 in Genf verkündeten, saß der Namensgeber mit im Publikum. Es war eine Sternstunde der Physik. Doch was machte den Beweis seines Teilchens so spektakulär? Mit seiner Theorie lieferte Higgs die Antwort auf eine wichtige Frage über das Universum: Was verleiht allen existierenden Dingen ihre Form und Größe? Oder anders herum gesagt: Ohne Higgs-Teilchen gibt es keine Masse im Universum.

Atheist Higgs gegen Begriff «Gottesteilchen»

Ein Verleger bezeichnete das Higgs-Boson deshalb auch reißerisch als «Gottesteilchen». Das gefiel weder dem atheistischen Namensgeber noch anderen Teilchenforschern. Trotzdem: Das «Gottesteilchen» ist, ähnlich wie die Relativitätstheorie, vielen Menschen ein Begriff. Es war der letzte unbekannte Baustein im Standardmodell der Teilchenphysik und löste das Dilemma, das viele Theoretiker hatten: Die Elementarteilchen in ihrem Modell hatten keine Masse.

Der Higgs-Mechanismus funktioniert wie eine Art Sirup, der an Elementarteilchen klebt, sie abbremst und ihnen so Masse verleiht. Das Higgs-Feld, der Sirup, zeigt sich über das Higgs-Teilchen.

Gemessen an der Aufmerksamkeit, die von dem Moment der Entdeckung an auf ihn einprasselte, war Higgs so etwas wie ein Physik-Popstar. Der Wissenschaftler bezeichnete das Rampenlicht teilweise als Plage. Je älter er wurde, desto weniger Interviews gab er. Stattdessen wollte der zweifache Vater mehr Zeit mit seiner Familie verbringen.

Der Trubel war ihm zu groß

Die Liste der wissenschaftlichen Preise und Ehrentitel, mit denen der Forscher ausgezeichnet wurde, ist lang. Die Ernennung zum «Sir» lehnte er jedoch 1999 dankend ab. Es sei zu früh dafür gewesen, sagte er später der BBC - und sowieso wolle er einen solchen Titel nicht.

Auch sonst war er ein kritischer Geist: So blieb Higgs aus Protest gegen die Palästinenser-Politik Israels der Verleihung des renommierten Wolf-Preises in Jerusalem fern. Er unterstützte die Anti-Atomwaffen-Bewegung - aber als diese sich auch gegen die zivile Nutzung der Atomkraft richtete, war Schluss damit.

Higgs war stets ein bescheidener Mann. An seinem Popstar-Status änderte das bis zum Ende seines Lebens nichts: Als er bereits über 80 Jahre alt war, bekam die Universität Edinburgh einem Sprecher zufolge noch immer massenhaft Anfragen nicht nur für Interviews, sondern auch für Vorträge, die er immer seltener annahm.

Mit 85, hatte Higgs einmal gesagt, wolle er endgültig in Rente gehen. Wirklich einhalten konnte er diesen Vorsatz aber nicht. Die ein oder andere Einladung nahm der berühmte Physiker trotzdem an. Denn das Interesse an seiner Person blieb bis zum Schluss ungebrochen.


Bildnachweis: © Andy Rain/EPA/dpa
Copyright 2024, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Pfingstkirmes 2024 Bergisch Gladbach
Für Familien

Vom 18. - 21. Mai ist es wieder soweit: Die Pfingstkirmes auf dem Konrad-Adenauer-Platz in Bergisch Gladbach ist zurück!

weiterlesen...
Frische Erdbeeren direkt vom Feld
Blog

Pünktlich zum Saisonstart der Erdbeeren zeigen wir euch die beliebtesten Standorte im Rheinisch-Bergischen Kreis & Umland zum Selberpflücken

weiterlesen...
Polarlichter bringen Deutschlands Nachthimmel zum Leuchten
Aus aller Welt

Polarlichter haben am Wochenende für ein buntes Spektakel am Nachthimmel über Deutschland gesorgt. Auslöser dafür war ein extrem starker Sonnensturm.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Tote und Verletzte nach schweren Stürmen im Süden der USA
Aus aller Welt

Tornados, Hagel, Hitze: Erneut macht sich die Klimakrise in den USA bemerkbar. Das Extremwetter fordert mehrere Menschenleben. Diesmal trifft es besonders die Staaten Texas, Oklahoma und Arkansas.

weiterlesen...
Zwölf Verletzte an Bord eines Flugzeugs durch Turbulenzen
Aus aller Welt

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage sind Menschen durch Turbulenzen während eines Flugs verletzt worden. Nach einem Flug von Doha nach Dublin müssen acht Personen ins Krankenhaus.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Tote und Verletzte nach schweren Stürmen im Süden der USA
Aus aller Welt

Tornados, Hagel, Hitze: Erneut macht sich die Klimakrise in den USA bemerkbar. Das Extremwetter fordert mehrere Menschenleben. Diesmal trifft es besonders die Staaten Texas, Oklahoma und Arkansas.

weiterlesen...
Zwölf Verletzte an Bord eines Flugzeugs durch Turbulenzen
Aus aller Welt

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage sind Menschen durch Turbulenzen während eines Flugs verletzt worden. Nach einem Flug von Doha nach Dublin müssen acht Personen ins Krankenhaus.

weiterlesen...